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Dienstag, 15 Februar 2022

Das Glück am Bauernhof finden

Der Bauernhof ist ein Glücksgriff, man muss sich dessen aber erst bewusst werden. Dafür muss man arbeiten, meint Bäuerin, Rednerin und Coach Christine Wunsch. Vor allem an sich selbst. Interview: Ulrike Tonner

Sich bewusst zu werden, wie viel Schönes und Gutes in einem Bauernhof steckt, ist der erste Schritt, um glücklich zu werden. Immer wieder wird man Glück finden in den kleinen und großen Dingen am Bauernhof, ist Christine Wunsch überzeugt. Die Bäuerin aus Steinegg, Mutter von vier Kindern, Rednerin und Coach, spricht im Interview von der Suche nach dem Glück als einem lebenslangen Prozess, geprägt von Anstrengungen, guten und schlechten Zeiten.

Ulrike Tonner: Frau Wunsch, Glück ist ein großes Wort. Was bedeutet Glück für Sie?

Christine Wunsch: Für mich bedeutet Glücklichsein nicht das laute schreiende Glück, wo ich ausflippe und die ganze Welt umarmen möchte, wie in den ganz großen Glücksmomenten. Für mich bedeutet Glück die große Zufriedenheit mit dem Leben, die Begeisterung für mein Leben, für das, was ich tue, und für die Art, wie ich lebe. Vielen fehlt das, und das ist traurig.

Wie macht sich diese Leere im Alltag bemerkbar?

Diese Leute merken, dass sie nicht begeistert sind von ihrem Leben, sie leben von einem Tag in den anderen. Das Gefährliche dabei ist, dass eigentlich ja alles gut ist, dass man selbst sagt: Was will ich denn, ich brauche mich gar nicht beschweren, ich habe einen Hof, Familie ... Sich dann einzugestehen, dass das nicht reicht, dass es mehr braucht, ist nicht einfach. Und dann zu verstehen, was einem fehlt, den eigenen Weg zu gehen, unabhängig davon, was die anderen sagen, ist noch mal ein großer Schritt.

Und wie kommt man zu diesem Schritt?

Es geht nicht darum, das Leben umzukrempeln, sondern um die eigene Einstellung: Zu wissen, was ich den ganzen Tag denke, wie ich über die Dinge denke, die da sind. Die meisten Menschen merken nicht, dass sie auf „Autopilot“ denken, weil halt alle so denken, weil man das halt so macht. Zu hinterfragen und zu überlegen, ob das überhaupt für einen selbst so stimmig ist oder ob es auch anderes geht, bringt bereits eine Änderung mit sich, einen anderen Blickwinkel.

Das hört sich jetzt so einfach an. Aber wir sind es nicht gewohnt, unsere Gedanken, unseren Alltag zu hinterfragen.

Ja, wir meinen immer: Es ist halt so, ich bin halt so, ich denke halt so, ich mach mir halt immer Sorgen. Dass wir diejenigen sind, die sich diese Sorgen machen, und dadurch nur wir selbst damit aufhören können, ist eigentlich ein ganz logischer Schritt. Das ist uns aber nicht bewusst. Und wenn man da ansetzt, dann verändert sich alles.

Was kann man also tun, damit einem der Glücksgriff Bauernhof bewusst wird?

Es geht darum, sich bewusst zu werden, was man über den Hof so denkt: Da fällt einem vielleicht zuallererst die viele Arbeit ein, der ganze bürokratische Aufwand usw. Aber dann kommt vielleicht auch der Gedanke, die Freiheit zu haben, selbst zu gestalten, selbst zu entscheiden, auch wenn es kleine Dinge sind. Dieser Gedanken-Download ist wichtig.

Erst wenn man das macht, merkt man, wie sehr die eigenen Gedanken den Alltag bestimmen, im Positiven wie im Negativen. Und dann erst realisiert man: Ich bin der Gestalter, nicht das Opfer, ich bin nicht abhängig von dem, was im Außen passiert oder wie andere sich verhalten. Ich selbst kann gestalten.

Das Gestalten spielt am Bauernhof eine große Rolle.

©dlv_Andreas Hantschke

Ja, klar. Zum einen ist es das Umfeld Bauernhof, das uns Menschen grundsätzlich sehr unterstützt beim Glücklichsein: Das Leben und Arbeiten in der Natur, das nachhaltige Wirtschaften, das Arbeiten mit den Tieren, die Vereinbarkeit von Familie und Beruf … Dazu kommt die gewisse Abhängigkeit von der Natur, die einem Demut vor dem Leben lehrt. Das sind alles Dinge, die einem als Mensch eigentlich guttun.

Trotzdem sind Bäuerinnen und Bauern nicht wahnsinnig glücklich. Und wieso? Weil ihre Gedanken darüber entscheiden. Gerade am Hof gibt es so viele Möglichkeiten, bei denen ich meine Stärken und Fähigkeiten einbringen kann, wo ich wirklich gestalten kann.

Auf einem Hof ist aber vieles oft vorgegeben oder etwa nicht?

Vieles am Hof passiert, weil es halt immer so war, was will man sonst auch tun, ich würde ja tun, doch die Umstände, meinem Partner oder meinen Eltern zuliebe … Es gibt viele „Ausreden“. Und es gibt natürlich auch Abhängigkeiten, die man nicht mit den Gedanken ändern kann, z. B. den Milchpreis. Man kann aber schauen, wie man damit um- geht, und hinterfragen, was man aus der Situation machen kann.

Was kann einem helfen bei der Suche nach dem persönlichen Glück?

Es ist wichtig, die Begeisterung zu finden für das, was man macht, für die Arbeit am Hof, für die Familie, für das Leben im Allge- meinen. Wir haben ja nur ein Leben, und da in der Früh schon zu hoffen, dass es bald Nacht wird, ist verschenkt.

Natürlich gibt es auch Tage oder Zeiten, an denen es nicht so gut geht. Aber zu wissen, dass Begeisterung für den Hof und Lebens- freude da sind und dass es ein Glück ist, einen Bauernhof zu haben, dass es ein Segen sein kann, und sich das auch immer wieder bewusst zu machen, finde ich ganz wichtig auf der Suche nach dem persönlichen Glück.

Haben Sie einen konkreten Tipp, wie man das angehen kann?

Das geht gut über ein Dankbarkeitstage- buch. Mal ehrlich, es ist für uns immer selbstverständlich, dass man z. B. den Führerschein oder eine Ausbildung hat. Es ist logisch, dass man das Haus oder das Wirtschaftsgebäude umgebaut hat, und natürlich hat man Familie. Aber: Das alles ist überhaupt nicht selbstverständlich oder logisch, das muss man auch erst mal schaffen!

Deshalb mein Tipp: Wenn man ein paar Wochen lang jeden Abend aufschreibt, wofür man dankbar ist, was gut funktioniert hat, worauf man stolz ist, dann passiert ganz viel mit den eigenen Gedanken.

Beim Dankbarsein, geht es nicht darum, den weitum größten Hof zu haben, sondern einfach dafür zu danken, dass man hier sein kann, dass man gesund aufwacht, dass man Familie hat ... das gibt den Sachen eine ande- re Wertigkeit.

Am Hof spielt oft das Zwischenmenschliche zwischen den Generationen eine bedeuten- de Rolle. Hier den Weg zum Glück zu finden, ist auch nicht immer einfach.

Wichtig ist, dass man sich bereits bei der Hofübergabe fragt, wie können wir das Zusammenleben organisieren, damit es von vornherein passt.

Sehr oft kommt in meinen Coachings der Vorwurf vom Altbauern an den Jungbauern: Er zerstört mein Lebenswerk. Aber darauf kann man nur sagen: Der Altbauer hat sein Lebenswerk geschaffen, und ab dem Zeitpunkt der Hofübergabe ist es nicht mehr seines. Der Nächste macht nun sein Lebenswerk, das mindert nicht die Leistung des Ersten, wenn er es abgibt.

Den Altbauern darf klar werden, dass sie trotz der Übergabe des Betriebs definitiv noch gebraucht werden und nicht auf dem Abstell- gleis stehen. Sie haben die Freiheit, ihr Leben neu zu gestalten. Auch hier geht es wieder stark um die innere Einstellung zu diesem Schritt im Leben: Sehe ich ihn als Last oder als große Chance?

Und auch als Partnerin eines Bauern darf man sich fragen, wo man seine Aufgaben sieht. Also, ob man zum Beispiel voll in das vorhandene Konzept einsteigen will oder lieber einen eigenen Bereich schaffen möchte, z. B. mit Sozialer Landwirtschaft, Urlaub auf dem Bauernhof, Schule am Bauernhof oder Ähnliches. Genauso möglich ist es natürlich, einer eigenen Arbeit außerhalb des Hofes nachzugehen. Wir dürfen uns immer entscheiden und auch die eigene Entscheidung wieder überdenken, wenn wir das starke Gefühl haben, dass wir nicht mehr glücklich damit sind.

Je früher man damit anfängt, solche Themen anzusprechen und innerhalb einer Familie zu klären, desto einfacher wird es, Wege zu finden, damit es für alle passen kann. Es braucht aber die Offenheit aller, darüber zu sprechen.

Sie sind Autorin des Heftes „Glücksgriff Bauernhof“. Was möchten Sie den Bäuerinnen und Bauern mit diesem Heft auf ihrem Weg zum Glück mitgeben?

Ich möchte mit diesem Heft aufzeigen, dass ein Bauernhof großes Glückspotenzial für die Menschen hat, die dort leben. Das Glücklichsein bedeutet für jede Rolle am Bauernhof etwas anderes: für die Betriebsin- haberin/den Betriebsinhaber, für die Partnerin/ den Partner, für die Altbauern. Jeder Einzelne sollte sich Gedanken darüber machen, was sie/ihn glücklich macht.

Bei den Porträts der acht Bauernfamilien in dem Heft sieht man, wie kreativ Landwirtinnen und Landwirte sein können, wie viele Möglichkeiten es auf den Höfen gibt. Der Bauernhof ist ein Schatz, den alle nützen können und dürfen. Ich möchte ihnen allen Mut machen, ihren eigenen Weg zu gehen, ohne viel zu investieren oder das ganze Umfeld umschmeißen zu müssen. Auf einem Hof ist zwar viel vorgegeben, trotzdem ist aber vieles möglich!

Glücksgriff Bauernhof - Persönliche Erfüllung ernten

Bäuerinnen und Bauern haben mit der Landwirtschaft einen Glücksgriff getan. Doch wo und wie finden sie ihre ganz persönliche Erfüllung auf dem Betrieb und in ihrem Leben? Im Heft „Glücksgriff Bauernhof“, das zusammen mit dem Bayerischen Landwirtschaftlichen Wochenblatt produziert wurde, erklärt die Autorin Christine Wunsch, wie man die Wert- schätzung für das eigene Leben und den Betrieb in den Vordergrund rückt und nachhaltig stärkt. Acht Landwirtsfamilien aus Bayern, Österreich und Südtirol erzählen außerdem, wie sie ihr Lebensglück gefunden haben. Ein gro-ßes Extra sind die vielen Übungen und Checklisten, die dem eigenen Glück auf die Sprünge helfen.

„Glücksgriff Bauernhof – Persönliche Erfüllung ernten“ ist erschienen im dlv Deutscher Landwirtschaftsverlag, erhältlich direkt bei Christine Wunsch über info@christinewunsch.com bzw. https://christinewunsch.com/shop/ oder über das Bayerische Landwirt- schaftliche Wochenblatt https:// wochenblatt.dlv-shop.de/sonderheft- gluecksgriff-bauernhof-2962.

Bild ©dlv_Andreas Hantschke

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